6.11.2015 Coesfeld-Lette – „Russland ist ein Land voller Widersprüche, darüber muss man sich im Klaren sein. Allerdings tun sich westliche Köpfe damit sehr schwer – der Westen versteht Russland einfach nicht." Das betonte Professor Dr. Gabriele Krone-Schmalz gestern (4. November) vor mehr als 400 Gästen bei „Wirtschaft trifft".

Zur siebten Auflage des Wirtschaftstalks hatten die Sparkasse Westmünsterland und der Wirtschaft-aktuell-Verlag die ehemalige Moskau-Korrespondentin und Bestseller-Autorin in die Räume von Ernsting's family in Coesfeld-Lette eingeladen.
Im Podiums-Interview mit Moderator Professor Dr. Markus Kiefer ging Krone-Schmalz mit der Russland-Politik des Westens, einseitigen Ansichten und der Medienberichterstattung zu diesem Thema hart ins Gericht. Um sich überhaupt eine Meinung über die russische Politik bilden zu können, forderte sie vor allem eins: „Man muss Russland erst verstehen, um erklären zu können, was in diesem Land vor sich geht, und um sich eine Meinung dazu zu bilden. Aber genau da hakt es: Im Westen sind wir ‚Entweder-oder-Entscheidungen' gewöhnt und nicht das ‚Sowohl-als-auch" wie es in Russland praktiziert wird. Deshalb tut sich der Westen schwer, Russland überhaupt zu verstehen", machte Krone-Schmalz klar.
Ein wesentliches Problem ist aus ihrer Sicht zudem die vermeintliche moralische Überheblichkeit des Westens. Die habe das deutsch-russische Verhältnis nachhaltig zerstört. „Natürlich hat die russische Gesellschaft auch Werte – sie unterscheiden sich allerdings zum Teil von den westlichen. Darüber einfach hinwegzugehen, ist dumm", so Krone-Schmalz.
Als Russland-Expertin hat sich die ehemalige ARD-Moskau-Korrespondentin in den vergangenen Jahren auch intensiv mit der Rolle von Russlands Präsident Waldimir Putin auseinandergesetzt. „Er ist intelligent, diszipliniert und ein Patriot, aber nicht nationalistisch. Allerdings hat sich Putin in der jüngsten Regierungsphase verändert – er ist nicht mehr so nahbar. Das liegt sicherlich auch am Verhalten der westlichen Länder", betonte Krone-Schmalz. Wenn der Westen Russland in Putins erster Amtszeit vertrauensvoller unterstützt und zum Beispiel über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum oder eine vernünftigen Sicherheitsarchitektur konkret verhandelt hätte, hätte sich die Gesellschaft in Russland und auch das Verhältnis zwischen beiden Regionen anders entwickelt, so ihre Einschätzung. Denn das, was sich in Russland derweil innenpolitisch getan habe mit Blick auf eine Annäherung an den Westen, sei in der Medienberichterstattung häufig völlig untergegangen. „Darüber wird nicht berichtet – auch weil es nicht in das vermeintliche Bild von Russland passt, das die westliche Gesellschaft hat", kritisierte Krone-Schmalz und forderte Journalisten dazu auf, viel mehr zu hinterfragen.


Hinterfragt werden sollten aus ihrer Sicht auch die Ereignisse rund um den Ukraine-Konflikt: „Sich dabei nur über Russlands Verhalten aufzuregen, ist zu einfach. Ich kann nicht begreifen, wie die Entscheider in Brüssel ein Land mit einer derartigen geografischen Lage wie die Ukraine vor die Wahl stellen konnten, wirtschaftlich enger an Russland oder an die EU heranrücken wollen. Sinnvoller wäre es gewesen, wenn sich Vertreter aus Brüssel, Kiew und Moskau an einen Tisch gesetzt hätten, um gemeinsam zu prüfen, was zu machen gewesen wäre. Klar ist: Der jetzige Zustand in der Ukraine ist weder demokratisch noch repräsentativ", betonte die Expertin.
Generell müsse der westlichen Gesellschaft klar werden, dass man „nicht alles an Moskau vorbei regeln kann." Krone-Schmalz: „Man kann sich nicht auf Dauer ignorieren. Vielmehr müssen die eigenen Interessen diplomatisch vertreten und klar benannt werden – und nicht in ein humanitäres Deckmäntelchen gesteckt werden, damit sie besser aussehen."
Im Anschluss der Veranstaltung hatten die Gäste wie immer bei „Wirtschaft trifft" die Gelegenheit, sich bei einem Imbiss über die kritischen Aussagen der Russland-Expertin auszutauschen. Veranstalter und Wirtschaft-aktuell-Verlagsleiter Ralph Woschny zog ein positives Fazit der siebten Auflage von „Wirtschaft trifft": „Es war eine rundum gelungene Veranstaltung mit einem meinungsstarkem Podiums-Interview, das die Gäste auch nach dem offiziellen Teil in lockeren Gesprächen beschäftigt hat. Das erste Feedback ist überaus positiv." Dem stimmte auch Heinrich-Georg Krumme, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Westmünsterland, zu: „Mit dem Thema und unserem Gast haben wir genau das Interesse des Publikums getroffen, das sehr interessiert zugehört und differenziert nachgefragt hat. Ein anregender Austausch, das ist es, was wir mit ‚Wirtschaft trifft' erreichen wollen."

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