„Pilgern – Ein Weg zum Paradies?“

Fuß- und Radwallfahrt 2017 von Klein Reken nach Münster

05.05.2017 KLEIN REKEN (pd). Ein Erlebnisbericht von Hubert Breuer
„Pilgern – Ein Weg zum Paradies?“ Unter diesem Leitmotiv hatten sich 39 Fußpilger für die diesjährige Münster-Wallfahrt am letzten April-Samstag bei mir angemeldet, Rekordbeteiligung. Morgens um 3:00 Uhr starten wir am Klein Rekener Pfarrheim.

Um 17:45 Uhr durchschreiten wir nach 57 km gemeinsam mit den später gestarteten Radlern müde und abgekämpft, aber glücklich, stolz und um ein starkes Erlebnis reicher das sogenannte „Paradies“, den 2- geschossigen Haupteingangsbereich im Paulus-Dom. Werner Köhne und Maurice Eber haben dazu nach dem Motto des Domjubiläums 2014 „Willkommen im Paradies“ ein eindrucksvolles Begleitheft erstellt.

 

Wallfahrt bedeutet „unterwegs sein“, mit einer Gruppe auf einem festgelegten Weg, in einer bestimmten Zeit, mit einem gemeinsamen Anliegen zu einem christlichen Ziel. 1990 hat unser ehemaliger Pfarrer Josef Tenhumberg erstmalig zu dieser Münster-Wallfahrt aufgerufen, seit 1993 bin ich dabei. Ich kenne den Weg, die Stationen, die „Marschtabelle“, den Ablauf, viele Gebete und die intensiven Erfahrungen, körperlich, geistig und auch spirituell.
Als ich kurz vor 2:00 Uhr morgens auch ohne Wecker wach werde, frage ich mich, warum tue ich mir das überhaupt immer wieder an. Das Leben kann doch auch ohne Strapazen so schön sein. Nicht lange fackeln, aufstehen, schnell anziehen, Kaffee kochen, Sohn Christian wecken – extra aus Hamburg angereist und zum 2. Mal dabei – kurz gemeinsam frühstücken, reisefertig machen und ab geht ́s zum Treffpunkt.

Der Wettergott scheint uns heute ideales Pilgerwetter zu schenken. Auf dem Weg zum Pfarrheim ist es zwar noch kalt, aber windstill, trocken und es soll ja zunehmend wärmer werden. Das Dorf ist still und menschenleer, am Pfarrheim kommen Autos, wir hören Stimmen. Eine kurze Begrüßung in der Dunkelheit, Rucksäcke auf dem Anhänger verstauen, Warnwesten verteilen, Lampen an, ein Schnäpschen zum Aufwärmen genehmigen. Schnell die Teilnehmerliste kontrollieren, immerhin neun Neue sind dabei, sicher mit sehr gemischten Erwartungen und Gefühlen.

Nach Werner ́s Einführung zum „Paradies“ und dem Morgengebet geht ́s kurz nach 3:00 Uhr mit dem Kreuz vorweg Richtung Gevelsberg auf nach Münster. Die ersten 3 km bis zur Kapelle in Surendorf dienen bei schnellem Tempo zum wach werden und warmlaufen. Schuhe und Kleidung prüfen, erste Kontakte knüpfen, den richtigen Rhythmus finden - alles wird gut. Die Stimmung unter den Teilnehmern jedenfalls ist gut und optimistisch.

An der Hofkapelle Nottelmann wird aus dem Lied „Paradies“ von Reinhard Mey zitiert, u.a.: „Ich brauch nicht mehr weiterzugehn.“ Da läuft das Streckenprofil des Weges vor meinen Augen ab. Es ist eben nicht ein alltäglicher Spaziergang oder Walkingkurs, sondern schon eine ganz besondere Herausforderung. Also doch besser umkehren? Der Weg durch das weisse Venn und entlang der A43, die Zwischenstationen, das Kreuz vorweg und das Rosenkranzgebet unterwegs sind zwar seid 1990 immer gleich. Doch Wetter, Natur, Teilnehmer, Thema, Gefühle, Erlebnisse, Gespräche etc. sind jedes Mal anders. Man muss es einfach erleben.

Die 16 km bis Dülmen-Börnste werden sehr zügig zurück gelegt. Renate und Heinz beginnen das erste Rosenkranzgebet, ich bete laut den Refrain um auch andere zu animieren, was auch zunehmend gelingt. Mit dem Gebet laufe ich besser und leichter. Ich denke an Karin und Wolfgang Wortmann sowie Albert Paus, die als unbezahlbare Helfer jetzt kannenweise Kaffee und jede Menge Eier kochen, über 100 Brötchen belegen, die Begleitwagen mit Getränken, Proviant, Obst, Süßem etc. beladen und uns um 6:00 Uhr in einer Scheune ein perfektes Frühstück servieren. Zeit zur Stärkung und zum bessern Kennenlernen der Teilnehmer. Das macht munter und gibt Mut. Auch auf dem weiteren Weg stehen die Begleiter mit ihren rollenden (Apo-)Theken den Pilgern stets hilfreich zur Seite, ob mit Getränken, Verpflegung, Sitz- und Transportgelegenheit oder auch Ansporn zur nächsten Etappe.

Nach dem Frühstück suche ich das Kreuz, nehme es und trage es im Wechsel mit Christian bis Karthaus. Parallel beten wir im Rosenkranzgebet: „Der das schwere Kreuz getragen hat.“ Die Natur erwacht, Vögel zwitschern, erste Spaziergänger kommen uns staunend entgegen. „Das Paradies besteht aus vielen kleinen Augenblicken des Glücks.“ heißt es im Begleitheft. Wahrlich - wer mit offenen Augen und Ohren derart im Münsterland unterwegs ist, nimmt viele solcher Glücksmomente wahr: den kommenden Frühling, gelbe Rapsfelder und bunte Blumen, das saftige Grün der Weiden und Bäume, aber auch die Ruhe und Stille, die klare Luft und unterschiedliche Düfte, das Kennenlernen von Mitpilgern, viele Gespräche und Themen, das Vergessen der Alltagsroutine und -sorgen.

Kurz nach 8:00 Uhr und 24 km erreichen wir Karthaus, wo wir immer freundlich empfangen werden. Die einen gehen zur Stärkung zum Proviantwagen, andere suche die Erfrischung auf der Toilette, ich zünde in der Marienkapelle Kerzen an, genieße die Ruhe und unterhalte mich mit Kollege Josef. Alle gemeinsam halten wir dann Morgenandacht, beten und singen. Die Pause tut gut, doch weiter geht es mit kleinen Pausen Richtung Limbergen, an Nottuln vorbei bis zur Bauernschaft Helle.

Die Familie Plogmaker empfängt uns gegen 12:00 Uhr an ihrer Hofeinfahrt überaus herzlich. Bänke, Stühle und die „Muntermacher“ nehmen wir dankend an. Zwischendurch sortiere ich die Essenswünsche und gebe die Bestellung an das Gasthaus Wessing. Die imposante Marienstatue, der bunte Blumengarten davor und das Tippelbrüder-Denkmal üben immer wieder eine große Faszination aus. Warum können wir nicht einfach an diesem schönen Fleck bleiben. Gemeinsam beten wir den Angelus, lauschen dem Interview mit einem Flüchtling und müssen doch leider weiter. Pilgern heißt schließlich: Beten mit den Füßen.

Das Posenkranzgebet dient auch auf diesem Streckenabschnitt bis Bösensell als Schrittmacher, ist Stütze, wirkt beruhigend, es tut einfach gut. Ich kann dabei meine Gedanken frei laufen lassen, die Monotonie geht in den Rhythmus der Bewegung über, der Weg zerrinnt unter den Füßen. Auch jetzt zeigt sich wieder die Faszination des Pilgerns: dem hektischen Alltag entfliehen, Natur und Landschaft genießen, der Spiritualität im eigenen Leben mehr Raum geben. Die körperliche Anstrengung öffnet auch eine Tür zum Inneren, anders zum Beispiel als in der Kirche. Unterwegs wird viel gesprochen mit immer wieder anderen Nebenleuten über die unterschiedlichsten Themen. Das führt zum steten Zusammenwachsen der Gruppe, dem Kennenlernen und der Integration vorher teilweise noch fremder Menschen.


Nach gut 40 km erreichen wir kurz nach 13:00 Uhr das Gasthaus Wessing in Bösensell. Erste Blessuren und Wehwehchen machen sich bemerkbar, Ermüdungserscheinungen sind sichtbar, alle sind dankbar für die Rast und die Mittagspause. Sitzen, Ausruhen und warmes Essen tun gut, Körper- und Fusspflege ist angesagt. Auch ich mache „Reifenwechsel“ von schweren Wander- auf leichte Walkingschuhe. Jetzt treffen auch die Radler mit freudigem „Hallo“ ein. Auf dem Platz vor der Kirche fährt ein VW Käfer vor, mit einem Herz geschmückt, ein Brautpaar steigt aus. Zeit für ein gemeinsames Erinnerungsfoto. „Pilgern ist die Suche nach Gott! Und wer nach Gott sucht, wird unweigerlich über das eigene Ich stolpern!“ betet Werner vor.

Und schon geht unsere Suche nach dem Paradies weiter. Gut 16 km liegen noch vor uns. Allerdings fällt es jetzt zunehmend schwerer, wieder „in die Gänge zu kommen“. Wieder hilft das Rosenkrankgebet. Nach der nächsten Station sind schon Münster ́s Kliniktürme zu sehen, aber es sind noch gut 10 km zu laufen. Doch der Teamgeist wird deutlich spürbar, man hakt sich unter, wartet auf und ermuntert den Mitpilger, letztlich dient auch mal das Begleitfahrzeug als „Erholungsstätte“. Die vielen Störche auf dem Feld vor dem Zoo werden nicht von allen wahrgenommen. Immer wieder beäugen Fussgänger die jetzt zerstreute Pilgergruppe und das Kreuz.

Noch ein kurzer Auffrischungsstopp am Hotel Mövenpcik, dann endlich gegen 17:30 Uhr sind pünktlich nach „Marschtabelle“ der Dom und seine Paradies- Pforte in Sichtweite. Es ist wieder mal geschafft, strahlender Sonnenschein und ein Spalier klatschender Radfahrer, Verwandter, Freunde und Bekannter lösen Glücksgefühle, aber auch Gänsehaut aus. Die große Freude, Erleichterung und auch Stolz sind bei jedem spürbar. Alle beglückwünschen und umarmen sich, wir haben das „Paradies“ erreicht. Natürlich darf das Erinnerungsfoto mit allen Beteiligten vor dem Paradies nicht fehlen.

In der Marienkapelle bei der Abschlussandacht ist den Pilgern die Erschöpfung und Müdigkeit deutlich in ́s Gesicht geschrieben. Nicht alle können der Zusammenfassung des heutigen Tages von Diakon Heinz Wolf mehr folgen. Ob vieler unterschiedlicher Menschen, Gruppierungen, Interessen und Erwartungen wünsche sich eigentlich jeder sein eigenes Paradies. Doch Ziel müsse sein, alle Menschen in einem Paradies zusammenzuführen. Dieses gelänge scheinbar jedes Mal bei dieser Münster-Wallfahrt.


Die große Fazination und Erfahrung dieses Tages und Weges bestätigten auch einige Teilnehmer beim abendlichen Rückblick im Pfarrheim. Die 24-jährige Kristin ist nach ihrer ersten Tour überglücklich. Trotz erheblicher Strapazen auf dem letzten Streckenabschnitt zieht sie ein überaus positives Fazit. Nächstes Jahr am 28.04.2018 will sie wieder auf dem Weg zum Paradies dabei sein. Die Motivation dazu ist auch auf der Rückseite des Begleitheftes zu finden: „Wer allen Reichtum in sich weiß, ihn aus sich selbst lebendig macht, der findet Fülle, wo er steht, und Paradiese, wo er geht.“
Hubert Breuer zur Münsterwallfahrt am 29. April 2017

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